Geschichte

Beharrlich widerständig

PFARRER PAUL SCHOBEL BEGRÜNDETE DIE BETRIEBSSEELSORGE

Manchem mag das Attribut „Herz-Jesu-Sozialist“ für einen gesellschaftskritischen Katholiken spöttisch in den Ohren klingen, für Paul Schobel nicht. Er trägt dieses Attribut, das ihm schon viele verliehen haben, wie einen Ehrentitel. Der 1939 in Dietingen bei Rottweil als ältestes von sechs Geschwistern geborene Priester hat hart und gegen massive Widerstände für diesen Ehrentitel gearbeitet. Über Jahrzehnte ist er das Gesicht der Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geworden.

In Fragen von Tarifstrukturen, Arbeit und Kapital, weltweit vagabundierender Geldströme, ungerechter und menschenunwürdiger Bedingungen am Arbeitsplatz oder der Benachteiligung dort etwa von Frauen gegenüber Männern – Schobel macht den Mund auf, wo andere schweigen. In Böblingen begründete er das Arbeiter- und Arbeitslosenzentrum, dort machte die heute flächendeckend in der württembergischen Diözese arbeitende Betriebsseelsorge ihren Anfang. Den Mund verbrannte sich der unbequeme Kirchenmann schon oft, auch in der eigenen Kirche.

In bescheidenen Verhältnissen wuchs Paul Schobel in einem geschlossenen katholischen Milieu auf. Sein Weg zum Priesterberuf wurde ihm erst viel später klar, ebenso seine Überzeugung, was priesterliche Berufung für ihn bedeutet. „Ein klein wenig von der Menschenfreundlichkeit Gottes aufstrahlen lassen“, das sei sein Leitwort geworden, sagte er einmal. Den Impuls dazu bekam er vom Apostel Paulus aus dessen Brief an Titus und von unzähligen Menschen, denen er in der Arbeitswelt begegnete. Vom unbedarften Theologiestudenten („Ich bin ins Stift hineingestolpert, ohne klare Option, einfach so….“) zum Arbeiterpriester mit markanten Positionen und entschiedener Option für die Armen war es ein steiniger Weg für den jungen Mann.

Impulse zur inneren Wandlung gaben ihm immer wieder Einsätze an Werkbänken und Fließbändern. Schon als Student jobbte Schobel als Dreschmaschinist für miserablen Lohn. Finanziell war das lumpig, aber: „Der wertvollste Gewinn aus meiner Zeit als Maschinendrescher war, dass man Menschen kennen lernte mit ihren Licht- und Schattenseiten.“ Später, als Priester, zu dem er 1963 geweiht wurde, ackerte Schobel wieder in Fabriken, dann freilich mit klarem theologischem und politischem Profil in Kopf und Herz.

Diese innere Dynamik wäre kaum möglich gewesen ohne seine Arbeit zunächst als Vikar in der Industriestadt Böblingen, dann als Kaplan für die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) im Bischöflichen Jugendamt in Wernau und als erster Berater für Kriegsdienstverweigerer dort. So lernte er junge Werktätige vom Daimler, von IBM und von kleineren Zulieferbetrieben kennen. Er schaffte mit ihnen, diskutierte außer über Gott und die Welt über Arbeit und Kapital, gute Arbeit, gerechten Lohn, ungerechte Verhältnisse. Vor allem aber lernte er, mit jungen Arbeiterinnen und Arbeitern „die Bibel noch einmal neu und anders  zu lesen“.

Über seine Wandlung in all den Jahren wundert sich der Arbeiterpfarrer noch heute. Dass sich für ihn das christliche Evangelium einmal zur Botschaft mit revolutionärem Potenzial und das Magnifikat der Gottesmutter zum „Revolutionslied“ wandeln würden, das hätte er sich noch als Student nicht träumen lassen. Katholische Soziallehre, päpstliche Sozialenzykliken oder gar marxistische Gesellschaftskritik – „das Studium und die Ausbildung hatte uns beides gnädig vorenthalten.“ Schobel lernte seine Lektionen später und wurde zum „Herz-Jesu-Sozialisten“. Die Bibel birgt für ihn politische Brisanz, „ganz real fürs Diesseits: Eine intakte Arbeitswelt ist ein Ort der Gotteserfahrung“.

Auf massiven Druck von rund 40 Pfarrern und nach klarer Ansage durch Schobel selbst ernannte ihn der damalige Bischof Carl Joseph Leiprecht 1973 zum „Industriepfarrer“ im Dekanat Böblingen. Klare Ansage des jungen Priesters deshalb, hatte er doch für den Fall, dass er diese Aufgabe nicht bekäme, einen kompletten Wechsel als Arbeiterpriester in einen Betrieb angedroht. Bald fand Schobel – anfangs gegen gewerkschaftlichen Widerstand - seinen Platz als Seelsorger und Priester an der Seite der Werktätigen, wurde erkennbar bei Demonstrationen gegen Werksschließungen, Kundgebungen der Gewerkschaft -  immer als Gegenüber zur Macht des Kapitals.

Was Schobel bei seinen Werkseinsätzen in der Industrie erlebte und wie er es geistig verarbeitete, hielt er in seinem viel gefragten, 1981 geschriebenen und heute vergriffenen Buch „Dem Fließband ausgeliefert“ fest. Wie eingekerbt in sein Herz ist der Satz eines Meisters, der ihm nach einem achtwöchigen Werkseinsatz sagte: „Bleib hier und schaff’ mit uns, statt jetzt wieder von der Kanzel herab die Leute anzulügen.“ Auf Kanzeln war Schobel in all den Jahren viel anzutreffen, denn als Betriebsseelsorger war er bald ein gefragter Mann. Aber „Abkanzeln“ war nie sein Ding. Ihm liegt daran, wie er sagt, dass die Kirche den Arbeitenden und den Arbeitslosen nahe kommt.

Nach 20 Jahren mühsamer Aufbauarbeit im Industriegebiet Böblingen/Sindelfingen und der Eröffnung eines „Arbeiter- und Arbeitslosenzentrum“ übernahm Paul Schobel 1991 die Leitung der Diözesanstelle Betriebsseelsorge im Bischöflichen Ordinariat. 2008 trat Pfarrer Schobel in den Ruhestand. Unverändert entschieden vertritt er seine Positionen. In seinen morgendlichen „Anstößen“ im Radio macht er aus seinen Überzeugungen keinen Hehl, auch nicht bei Diskussionen in Kirchengemeinden, Parteien und Gewerkschaften. Mit leiser Stimme und fast hastig gesprochenen Sätzen warnt er vor den Folgen eines zügellosen Kapitalismus für Millionen Menschen, vor den Gefahren für deren Leib und Seele.

Selbst in den Führungsetagen werde gelitten, sagt der Seelsorger. „Sonntagabends wird’s einem Abteilungsleiter mulmig, denn am nächsten Morgen muss er wieder die heile Welt der Familie und der Gemeinde hinter sich lassen und eintauchen in die kapitalistische Welt mit ihren Zwängen.“ Heimatloses und global in rasendem Tempo vagabundierendes Geld, Menschen als Verschiebemasse auf einem Arbeitsmarkt mit immer weniger Regelungen, Scheinselbstständigkeit, Leiharbeit, Bossing und Mobbing, Sonn- und Feiertagsarbeit, Mindestlohn – wie in einem Katalog der Grausamkeiten zählt Schobel die aus seiner Sicht neuralgischen Punkte auf. „Es geht immer noch billiger“, kritisiert er trickreiche Praktiken mit Subunternehmen, Scheinselbstständigen und autonom geschlossenen Werkverträgen. Er vergleicht die aktuelle Situation mit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als freie Lohnarbeitsverträge ganz normal waren. In dieser Zeit schrieb Papst Leo XIII. seine Aufsehen erregende Sozialenzyklika „Rerum novarum“.

Dieser Tage traf Paul Schobel einen Gegner aus früheren Tagen, hoher Manager im Dienst der Kapital- und Arbeitgeberseite, heute im Ruhestand. Sie stritten sich damals erbittert um Sonntagsarbeit. „Ich habe das falsche Lied gesungen“, sagte der Ruheständler jetzt dem Pfarrer. Genugtuung? Vielleicht, ein bisschen. Aber Grund zur Zufriedenheit ist es nicht für den Arbeiterseelsorger. Er warnt. Wenn der globale Finanzmarkt nicht reguliert und die Macht des Kapitals nicht zu Gunsten der arbeitenden und von Verelendung bedrohten Menschen gebändigt werde, dann werde der Weg weiter ins Prekariat vieler und letztlich zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Für ein Umdenken und Handlungsalternativen sei es höchste Zeit, drängt Schobel und sieht Chancen in einem ökologischen Umbau der Wirtschaft, in einem sozialen Ausbau der Gesellschaft und in bezahlter Familienarbeit. Christen sieht er auf diesem Weg besonders in der Pflicht, längst sei ja auch in braven Kirchengemeinden die Stimmung gegen die unkontrollierte Macht des Kapitals gekippt. „Wenn sie diesen Unmut doch endlich mal in politische Aktion umwandeln würden!“

Uwe Renz


WACHABLÖSUNG IM FACHBEREICH


Paul Schobel, seit 15 Jahren Fachbereichsleiter der Betriebsseelsorge "nimmt seinen Hut" und verabschiedet sich in den Ruhestand. Nach einer kleinen "Aus-Zeit" will er ab Mai 08 für einen Tag pro Woche in der Betriebsseelsorge Böblingen wieder beraterisch und seelsogerlich tätig sein. Seine "Böblinger" haben ihm im Arbeiterzentrum, das er selbst vor dreissig Jahren aufgebaut hat, ein kleines Büro eingerichtet.

Telefonisch wird er dort zumeist am Freitag erreichbar sein: 07031/660750. Seine bisherige mail-Anschrift im Bischöflichen Ordinariat erlischt. Zukünftig ist Paul Schobel unter dieser Adresse erreichbar:  paul.schobel@t-online.de


Am Sonntag, 17. Februar 2008 wurde Paul Schobel von Ordinariatsrat Dr. Joachim Drumm verabschiedet und Wolfgang Herrmann in sein Amt eingeführt.

Die Feier fand im traditionsreichen "Straßenbahner-Waldheim" in Stuttgart statt. An diesem Ort wurde deutschlandweit Tarifgeschichte geschrieben, weil alle großen Tarifwerke zwischen der damaligen ÖTV und den Beschäftigen im Öffentlichen Dienst hier ausgehandelt worden waren.

Über 400 Wegbegleiter, unter ihnen zahlreiche GewerkschafterInnen waren zum Fest gekommen. Ein ökumenisch gestalteter Gottesdienst gab den Auftakt. Die Abschlusspredigt von Paul Schobel ist hier angehängt.

Am Nachmittag beleuchtete eine Talk-Runde die schwierigen Anfangszeiten der Betriebsseelsorge. Erich Klemm, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Daimler AG und Franz Steinkühler berichteten, dass man sich anfangs mit diesem "Schwarzen" bzw. einer weiteren "K-Gruppe" schwer getan hat. Im Ausblick betonte Friedhelm Hengsbach, dass angesichts der neuen Herausforderungen in der Arbeitswelt die Betriebsseelsorge nötiger sein denn je. Die Verdi-Landesvorsitzende Leni Breymaier und Betriebsrätin Andrea Ragg setzen in den neuen Tarifauseinandersetzungen auf die weitere, verlässliche Kooperation mit der Betriebsseelsorge.

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„HABT SALZ IN EUCH UND HALTET FRIEDEN...“

Ansprache beim Gottesdienst der Betriebsseelsorge:

Amtseinführung Wolfgang Herrmann, Verabschiedung Paul Schobel

17. 02. 08 in Stuttgart-Degerloch

 

 

Lesung aus dem Buch Jesus Sirach (4, 1-10)

Mein Sohn, entzieh dem Armen nicht den Lebensunterhalt / und lass die Augen des Betrübten nicht vergebens warten!

Enttäusche den Hungrigen nicht / und das Herz des Unglücklichen errege nicht!  Ver­weigere die Gabe dem Bedürftigen nicht  und missachte nicht die Bitten des Gerin­gen!

Verbirg dich nicht vor dem Verzweifelten / und gib ihm keinen Anlass, dich zu verflu­chen. Schreit der Betrübte im Schmerz sei­ner Seele, / so wird Gott, sein Fels, auf sein Wehgeschrei hören. 

Neige dem Armen dein Ohr zu / und erwide­re ihm freundlich den Gruß!

Rette den Bedrängten vor seinen Bedrän­gern; / ein gerechtes Gericht sei dir nicht wi­derwärtig.

Sei den Waisen wie ein Vater / und den Wit­wen wie ein Gatte! Dann wird Gott dich sei­nen Sohn nennen, / er wird Erbarmen mit dir haben. .

 

Evangelium: Markus 9, 49-50

 

Jeder wird mit Feuer gesalzen werden.

Salz ist etwas Gutes. Wenn aber das Salz un­salzig geworden ist, womit wollt ihr es würzen? Habt Salz in euch und seid in Frieden unterein­ander.

 

Ansprache:

 

Es ist ein Wechselbad der Gefühle, in dem ich mich seit Wochen bewege: Loslassen, die Zügel dem neuen Fuhrmann in die Hand legen, runter vom Bock und nun auf in neue Räume, wissend auch um Alter und Vergänglichkeit. In solchen Stunden sucht man nach Bildern und klammert sich an Symbole, die ein wenig Halt geben. Und ich hab ein solches gefunden in diesem Salzkristall, der schon seit Jahren auf meinem Schreibtisch steht. In dem sehe ich mich und die Betriebsseelsorge immer wieder wie in einem Spiegel. Verschiedene Schichten lagern übereinander, Brüche und Verwerfungen sind erkennbar und Einschlüsse – von ganz banalem Alltagsdreck. Symbol unseres Lebens, Symbol der Betriebsseelsorge. Das Ding hat Ecken und Kanten – kommt eher ungehobelt, ungeschliffen daher, viele  stoßen sich dran. Kein kostbarer, funkelnder Brillant aus der Kirchen-Boutique, schon eher ein Produkt aus ihrem Bio-Laden: Salz – ein Lebensmittel in des Wortes wahrem Sinn. Da kommt es nicht an auf Schönheit und Gestalt, auf Formen und Farben, sondern nur auf seine Wirksamkeit. Ein Säckchen Salz, aus dem Heilbronner Salzbergwerk ist daher mein Abschiedsgeschenk an Euch. 

 

Was dort diese Bergleute ans Tageslicht befördern, kann gut und gern 500  Mio Jahre auf dem Buckel haben. Schon damals stürzte Wasser, dieses Ur-Element allen Lebens über steile Klippen, nagte am Gestein, sog die Mineralien aus der Erde. Und als es in riesigen Seen verdunstet war, blieb diese trübe Sediment, gesättigt mit all den  Stoffen, die das Salz so kostbar machen.

 

Für mich grenzt an ein Wunder, dass Jesus dieses Element – wohl ohne um seine Entstehung zu wissen, auch zum Symbol des Glaubens wählte. „Ihr seid das Salz der Erde“. Oder in diesem weitgehend unbekannten, sperrigen Markus-Wort: „Ihr seid mit Feuer gesalzen...“ So wie dieser Salz-Kristall unser Leben mit Licht und Schatten in sich birgt, so bildet es auch den Glauben ab, jene ungeheure Sehnsucht aller Menschen in allen Religionen. Die Sehnsucht nach Klarheit und Wahrheit, nach dem Letztgültigen. Die Sehnsucht, in der das erste Lächeln eines Kindes ebenso aufgehoben ist  wie das Glück der Liebenden, die Schmerzen der Kranken wie die Not der Sterbenden, Arbeitsfreude und Arbeitsleid, die Erfahrung von Solidarität wie auch das Elend der Gemobbten und Arbeitslosen. Die Sehnsucht, dass dies alles zusammengehört und einen tiefen Sinn in sich trägt.

 

(1)

Salz hat heute früh nach der frostigen Nacht viele von Euch auf sicheren Wegen hierher geführt. Nicht ganz umweltschonend – zugegeben. Aber dass dieses Element das Eis zu brechen und seine spiegelnde Glätte abstumpfen vermag, ist doch ein starkes Stück. So stell ich mir Glauben oder besser die Glaubenden vor: Als Eisbrecher inmitten der Eiseskälte der Gefühle, in der unterkühlten Arbeitswelt von heute.  Natürlich nicht als stampfende Dampfer wie im Eismeer der Antarktis, sondern – wohl dosiert – über eine feine chemische Reaktion. Wäre das nicht unsere erste Berufung, in der hoch kritischen Masse der modernen  Arbeitswelt den Schmelzpunkt zu erhöhen durch Mitmenschlichkeit, Solidarität, Aufmerksamkeit und ein feines Gespür füreinander? Müssten wir nicht den Frost der Beziehungslosigkeit sprengen? Wenn in den Betrieben wieder einmal die Temperaturen in den Keller gehen, die nächste Umstrukturierung droht, Onkel Mc Kinsey zum Kaffee kommt oder die Bude gleich ganz geschlossen wird, dann wird es höllisch glatt. Gegen diese tödliche Gefahr hilft nur die menschliche Wärme.

 

Ich habe sie immer wieder im Betrieb am eigenen Leib erfahren dürfen. Das hat mich selbst all die Jahre aushalten lassen. Unvergessen, was Inge einmal sagte, eine alte Arbeiterin vom Band: „Wenn der Zusammenhalt nicht wär, es gäb gar nichts mehr, worauf man sich im Betrieb noch freuen könnte...“ Nach meinem Arbeitseinsatz in einer Kühlmaschinenfabrik konnte ich einen Ingenieur dafür begeistern, seine Eis-Maschine für unsern Fabrikgottesdienst einfach umzudrehen. Und so geschah es. Zu Beginn wurde ein riesiger Eisbarren in den Schacht eingelegt. Die Maschine verdichtete dann die Körperwärme der Anwesenden und schon begann das Eis zu schmelzen und das Wasser zu tröpfeln.

 

(2)

Bekannt ist das Salz auch für seine reinigende Kraft. Es bewahrt vor Fäulnis und Zerfall. Man streute es früher sogar in offene Wunden. Schauderhaft! Doch genau so muss der Glaube brennen. Ehrlich gesagt: als kreuzbraves katholisches Kind vom Lande habe ich den Glauben so nicht vermittelt bekommen. Und im Studium wurde er ausgelagert in die grauen Zellen oberhalb der Hutschnur.

Es waren die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter der CAJ, die mich dann als Jugendpfarrer  aus dieser heimeligen Kuschelecke hervorholten. Das gab ein böses Erwachen... Denn nun musste ich erfahren, dass der Glaube brennt wie Salz und sich nicht immer gut verträgt mit dieser Welt und ihrer Politik, als wir damals anrannten gegen die Missstände in der beruflichen Bildung und furchtbar verdroschen wurden. Der Glaube brennt wie Salz auf der Haut, das musste ich auch in meinen ersten Jahren als Betriebsseelsorger erfahren, wo mich die Frommen verdächtigten, die Arbeitgeber und ihren politischen Spießgesellen bekämpften und ich bei den Gewerkschaften auf eine Mauer des Misstrauens stieß.

 

Inzwischen ist mir klar: Um welche Dimension unseres Glaubens wären wir  betrogen, würden wir ihn nicht wie Salz als heilende, konservierende Kraft entfalten. Denn der Wertezerfall in der Wirtschaft ist offenkundig und die Gier als ihre treibende Kraft stinkt zum Himmel. Während sich die einen für Hungerlöhne krumm machen müssen, scheffeln sich die andern Millionen auf ihr Konto und leiten sie noch geschickt an der Steuer vorbei. Statt die Menschheit mit lebens-notwendenden Gütern zu versorgen und dabei möglichst viele über Arbeit und Einkommen zu beteiligen, strebt die Börsenwirtschaft nur noch nach Renditen für jene, die ihr Kapital einbringen. Die andern aber, die viel Kostbareres bereitstellen, nämlich sich selbst mit Haut und Haaren, ihre Arbeit, ihren Fleiß, ihre Kreativität und Phantasie, werden als Kostenfaktoren bekämpft und – sobald es geht – mit Stumpf und Stiel ausgerottet.

Kaum ein Tag, wo wir nicht mit einem neuen Schurkenstück aus dem neo-liberalen Gruselkabinett überrascht werden: Missbrauch von Subventionen bei Nokia, Verlagerung des ganzen Werks trotz schwarzer Zahlen in Bochum und miliardenschwerer Gewinne im Konzern. Ein einziger Banker in Paris, der mal so nebenbei 4 Milliarden verspielt. Faule, versteckte Kredite bei fast allen Banken, Steuerhinterziehung und Korruption ohne Ende. Und das alles ist ja nur die Spitze des Eisbergs, seine gewaltige Basis entzieht sich den Blicken.

 

Wird die Christenheit aller Konfessionen, werden alle Menschen guten Willens die Kraft des Salzes entwickeln? Seine heilende, reinigende Wirkung? Werden wir konservieren,  was uns wertvoll erscheint?

 

·         Den Reichtum, die Fülle menschlicher Arbeit? Ihre Rechte auf angemessenen Lohn und Sicherheit des Arbeitsplatzes? Ihre Würde, ihren Vorrang gegenüber dem Kapital?

·         Werden wir konservieren können die Ethik des ehrbaren Kaufmanns, das anständige Unternehmertum?     

·         Werden wir den Sozialstaat und seine solidarischen Sicherungssysteme bewahren und verteidigen können?

 

Das wird brennen und weh tun, denn wer sich einsetzt, setzt sich aus. Diese Dimension des Salzes berührt die undankbarste Aufgabe der Gläubigen, nämlich die Aufgabe der Prophetie.

 

„Der Pfad der Gerechtigkeit führt zum Leben...“, haben wir als Motto über unsern Tag geschrieben. Ohne ausgleichende Verteilungs- und Beteiligungsgerechtigkeit darben auch hierzulande die Armen in einem reichen Land und verkümmern die Arbeitslosen in einer Gesellschaft, in der es – weiß Gott – alle Hände voll zu tun gäbe. Einer Politik, die nur dem Markt das Feld überlässt, die nicht ausgleicht und alle Menschen beteiligt, muss man das dünne neo-liberale Süppchen versalzen. Wenn sich alles nur noch rechnen muss, selbst Pflege noch und Bildung, muss man bald fragen, ob sich die Politik noch rechnet!

 

(3)

Lasst mich zum Schluss noch eine letzte Dimension des Salzes streifen.  Man muss das ja einmal selber erlebt haben: da mischt man liebevoll die Zutaten, um ein Brot zu backen, knetet mit Hingabe den Teig und bald schon steigt einem der Duft in die Nase. Nicht mehr lang und man verzieht schmerzlich das Gesicht, denn das berühmte Löffelchen Salz wurde vergessen. Nun kann man in seiner Verzweiflung die faden Scheiben ins Salzfass tunken und wird trotzdem seines Lebens nicht mehr froh!

Das ist die edelste, appetitliche Seite des Salzes, nämlich in rechter Dosierung – versteht sich – den Speisen Geschmack zu geben. Mehr noch: ohne ein paar Milligramm Salz am Tag wären wir gar nicht lebensfähig, weil unser Zellstoffwechsel nur mit Hilfe von Kochsalz funktioniert.

 

Ist das nicht auch die edelste Aufgabe des Glaubens, die Menschen auf den Geschmack des Lebens zu bringen, statt ihnen diesen zu verleiden? Ich habe lange gebraucht, um den Glauben von dieser schmackhaften Seite her zu erfahren und zu genießen. Tatsächlich – Glaube hat mit Freude mehr zu tun als mit Verdruss, mehr mit Lachen, Lieben, Leben als mit Entsagung und Gewissensqualen. Oder anders rum: Jede Askese muss letztlich neu empfänglich machen für die Freude an Gott, die Liebe zu den Menschen, die Leidenschaft fürs Leben. Chopins Nocturnes können mir in manchen Stunden mehr über Gott verraten als ein frommer Traktat.  Prickelnde   Erotik – sowas gibt’s auch im Leben eines Zölibatärs – mehr über die Liebe als manch quälende Meditation. Im liebgewordenen Glas Rotwein am Abend kommt mir manchmal, sofern es sich nicht um einen räßen  „Simsenkräpsler“ handelt, völlig unerwartet der Heilige Geist entgegen. (Ich nehm wenigstens an, dass er es ist.) Kurzum: Der Glaube schmeckt, ist habhaft, und süffig.

 

Wie sehr wünsche ich uns allen und der Betriebsseelsorge, dass sie mit der Würze, dem Salz des Evangeliums Menschen auf den Geschmack des Lebens bringt. Ein wenig Luft unter die Flügel der im Arbeitsprozess Zermürbten, der Gemobbten und Gejagten. Trost den Erwerbslosen: es gibt ein Leben jenseits der Erwerbsarbeit. Aufrechten Gang all denen, die bei Konkurs weinend am letzten Arbeitstag ihre Sachen zusammenpacken müssen. Sie alle sollten den Geschmack des Lebens nicht verlieren.

Keine Betriebsseelsorge, die nicht feiert und singt, lacht und spielt, mit den Trauernden weint und mit den Gebeutelten kämpft um Recht und Würde.

 

„Ihr seid mit Feuer gesalzen. Salz ist etwas Gutes.“ Zweifellos, aber Salz kann seine Kraft nur entfalten, wenn seine Kristalle frei gesetzt werden und sich auflösen wie Salz in der Suppe. Solange sie so hübsch zusammenklumpen wie in diesem großartigen Schaustück aus der Heilbronner Grube, werden sie nicht wirksam und können nicht salzen. Wenn Salz wirken soll, dann nur, indem es seine kristalline Form preisgibt und nicht mehr sicht-, sondern nur noch spürbar ist.

 

Ein subversives, beunruhigendes Bild für die Kirchen. Es macht Angst!  Bedeutet es doch nichts anderes, als dass Kirche ihre kristalline, leuchtende Gestalt verliert. Statt nur sichtbar zu sein, muss sie spürbar werden in den Leiden und Kämpfen der Menschen, muss sich einlassen bis zur Unkenntlichkeit. Stets nur das eine im Sinn, nämlich wirksam zu sein als Taumittel in der Eiseskälte, als reinigende, prophetische Kraft und als  Geschmacksverstärker. Solange wir uns nur selber  zelebrieren und inszenieren, kann das Salz seine Kraft nicht entfalten. Solange Kirche sich selber genügt, ist sie schön anzuschauen, aber das wars auch schon.

 

(Kristall wird zertrümmert)

 

Entschuldigung! Das war unser Mann fürs Grobe, der Holzknecht aus dem oberen Donautal. Er hat aber mit diesem dumpfen Schlag nur der göttlichen Fügung etwas nachgeholfen, damit es auch der letzte noch kapiert: Mit dem Glauben und mit der Kirche ist es wie mit dem Salz: Es kommt nicht an auf Form und Schönheit, sondern allein auf die Wirksamkeit. Glaube muss sich in kleinsten Molekülen einbringen in die Welt, in unserem Falle in die Arbeitswelt. Glaube muss seine Kraft entfalten, muss bewahren und konservieren, reinigen und brennen und unserem Leben Geschmack verleihen. „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts...“ , so schrieb Pater Delp aus dem Gefängnis. Ein Satz, der mir immer wieder in die Glieder fuhr.

 

Wenn ich nach so vielen Jahren für mich selber Bilanz ziehe, dann bin ich unendlich dankbar dafür, dass ich so manches mal das Eis tauen und den Frost sprengen konnte und Menschen wieder neu oder erstmals zueinander in Beziehung brachte. Aber habe ich genügend gebrannt und weh getan um der Gerechtigkeit willen? Stets waren  immer auch Kalkül und Rücksichtnahme und oft genug Angst und Feigheit mit im Spiel. Sind Menschen über mich auf den Geschmack des Lebens gekommen? Mag sein, dass ich manches mal trösten, aufrichten, ermutigen konnte. Aber Eigentlich war ich mehr der Beschenkte als der Gebende, habe selbst am meisten dieses Salz verkosten dürfen, das den Geschmack des Lebens verrät. Und dafür bin ich Gott dankbar und den Menschen, die mich die Würze des Lebens und des Glaubens verspüren ließen. 

 

Wenn mal die Suppe versalzen ist, vermuten wir, Koch oder Köchin wären verliebt. Ein wunderschönes Bild. Denn wer verliebt ist, verliert das rechte Maß. Er verschmeckt die Würze des Lebens und will diese unbedingt den andern im Übermaß zukommen lassen. Wer liebt, der brennt. Wer aus Liebe brennt, kann andere anstecken. 

 

So möchte ich Euch dieses Salz-Säckchen aus Heilbronn mit auf den Weg geben, verbunden mit meinem innigen Wunsch: „Ihr seid mit Feuer gesalzen. Salz ist etwas Gutes. Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander“. Amen

                                                                                                Paul Schobel