Zwischenruf April 2015

Mehrwert Mensch

Mensch - Du bist mehr als eine Personalkennziffernummer und ein Kostenfaktor. Du hast Fähigkeiten und besitzt eine Würde. Fordere den Erhalt deines Arbeitsplatzes und setze dich dafür ein.

Diese und andere Worte spreche ich immer wieder abhängig Beschäftigen zu, vor allem dann, wenn ihr Arbeitsplatz abgebaut und verlagert wird. Auch im Dekanat Esslingen-Nürtingen findet das statt. In Gesprächen höre ich immer wieder wie Betroffen sagen: „Über Jahrzehnte hinweg haben wir uns eingebracht und geackert, wenn es sein musste auch am Wochenende. Wir waren bereit zum Wohle unseres Arbeitsplatzes auch mal auf Forderungen zu verzichten und wir haben uns mit dem Betrieb identifiziert. Es war unser Unternehmen.“

Sie waren der Garant für die gute Arbeit und für den Standort. Die Auftragslage und der Umsatz waren sehr gut. Die Gewinne waren ordentlich. Umso mehr verstehen sie jetzt die Welt nicht mehr, wenn es darum geht, dass die Produktion an einen anderen Standort verlagert werden soll. Der neue Standort verfügt weder über eine vergleichbare Infrastruktur noch über qualifiziertes Personal. Beides muss, so die Aussagen von Kollegen, die vor Ort waren, erst noch aufgebaut werden. Die Männer und Frauen sind enttäuscht. Sie sind wütend, nicht nur,  weil die Entscheidung von Konzernen aus Übersee getroffen wurde, sondern weil das Gegenüber fehlt. Die Entscheider halten es nicht für nötig, sich den Auseinandersetzungen zu stellen. Stattdessen schicken sie Gehilfen, die nichts zu sagen haben.

Begebe ich mich auf die Suche nach nachvollziehbaren Gründen der Verlagerung, dann begegne ich den Argumenten der Wettbewerbsfähigkeit und der Kosten-senkung. Doch es scheint wohl auch noch um etwas anders zu gehen. Um den Anreiz von Subventionen und das Angebot, am neuen Standort keine oder nur einen Bruchteil  der bisherigen Steuern zahlen zu müssen. Um Auslagerungen vorzubeugen, benötigt es auf europäischer Ebene einheitliche Standards wie z. B. einen Mindeststeuersatz oder eine Maschinensteuer. Es braucht auch glaubhaftes Regulativ der Politik und verbindliche Richtlinien mit Sanktionen. Erst recht bedarf es einer Firmenphilosophie, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und nicht das Kapital. 

Ansätze gibt es durchaus. Ich denke an ein  mir bekanntes Kleinunternehmen. Für den Betriebsleiter ist der Mitarbeiter das größte Kapital. Das ehemals führende Vorstandsmitglied eines Sportwagenherstellers ist der Meinung, dass man am Standort Deutschland durchaus profitabel arbeiten könne. Einmal abgesehen davon, dass Deutschland nie mit chinesischen Lohnkosten konkurrieren könne, wären Lohn- und Sozialdumping auch volkswirtschaftlicher Unsinn. „Wir verarmen, wenn wir asiatisch werden wollen“.

Ein Verantwortlicher aus der Bekleidungsindustrie formuliert seine Firmenphilosophie so: „Wir konnten nicht nur die Arbeitsplätze halten und sichern, sondern haben diese in den letzten Jahren auf 1200 erhöht. Ich betrachte es als meine Pflicht, meine Mitmenschen in den Arbeitsprozess einzubeziehen und unsere Arbeitsplätze in Zukunft zu sichern. Der deutsche Arbeitslohn ist nicht zu teuer, wenn man die Arbeitskraft richtig einsetzt. Nicht Macht, Marktanteile und Größe dürfen bestimmend sein, sondern Solidarität, Verantwortung für die Mitmenschen, Gerechtigkeit und Beständigkeit.“ Der Mensch ist mehr wert und in den Zeiten der Verlagerung müssen Nachhaltigkeit , werteorientierte Personalführung, wertebalancierte Unternehmens-führung und ethische Entwicklung neu mit Leben gefüllt werden.

 

Peter Maile, Betriebsseelsorger, Diözese Rottenburg-Stuttgart

 


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