Das Jahr 2011


 

Christliches und gewerkschaftliches Engagement – geht das zusammen?

Mit dieser Frage hatte das netzwerk arbeitSwelt Göppingen und die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) zum diesjährigen „Sonntag der Sozialen Gerechtigkeit“ auf 03.04.2011 ins Georgsheim eingeladen. Als Referent war der DGB-Landesvorsitzende Nikolaus Landgraf zum Vortrag und anschließendem Frühschoppengespräch nach Göppingen gekommen.

Die Veranstaltung wurde traditionell mit einem thematischen Gottesdienst in St. Josef eröffnet, bei der Norbert Köngeter eine gelungene Predigt hielt. Zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaft, Kirchengemeinden und KAB waren zum anschließenden Frühschoppengespräch ins Georgsheim gekommen. Nach dem Vortrag von N. Landgraf - vor den etwa 60 Besuchern - bestand die Möglichkeiten, Fragen an den Referenten zu richten. Von dieser Möglichkeit wurde rege Gebrauch gemacht. Viele kritische Fragen wurden besprochen und diskutiert.

 

Untenstehend ein Artikel von Nadja Kienle (NWZ und Geislinger Zeitung)

Arbeitswelt aus den Fugen

DGB-Landesvorsitzender spricht über Verhältnis von Kirche und Gewerkschaft

Kreis Göppingen.  Christliches und gewerkschaftliches Engagement geht überwiegend Hand in Hand zusammen: Das war das Fazit des Frühschoppengesprächs in Göppingen.

Inwieweit geht christliches und gewerkschaftliches Engagement zusammen? Diese Fragestellung war am Sonntag Thema im Jugendheim St. Georg in Göppingen. Zum "Sonntag der sozialen Gerechtigkeit" hatte das "Netzwerk Arbeitswelt" des katholischen Dekanats und die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) diese Veranstaltung organisiert. Referent war der DGB-Landesvorsitzende.

"Unsere große Schnittstelle ist die Arbeitswelt", erklärte Landgraf, der selbst katholisch und Mitglied der KAB ist. Gerade im Bereich der Sozialpolitik gebe es aus christlicher und gewerkschaftlicher Sicht sehr viele Gemeinsamkeiten, erklärte er. Kirche und Gewerkschaft müssten in diesem Bereich zukünftig noch viel stärker zusammenarbeiten, denn beide Organisationen hätten eine gemeinsame Zielsetzung: die Würde des Menschen zu wahren. Die momentane Lage am Arbeitsmarkt und gewisse Bereiche der Sozialpolitik würden diesem Grundsatz jedoch stark entgegenstehen. Hier nannte er unter anderem die aktuelle Zunahme von Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit oder Minijobs, die für die betroffenen Arbeitnehmer oft eine große finanzielle Unsicherheit und das Risiko späterer Altersarmut darstellten. Die Rente mit 67 und Aspekte der Gesundheitsreform prangerte der DGB-Landesvorsitzende an.

"Die Arbeitswelt gerät aus den Fugen", erklärte der Gewerkschafter, daher gebe es in der Arbeits- und Sozialpolitik einen großen Handlungsbedarf. Vor diesem Hintergrund sprach er sich für einen verstärkten praktischen Austausch zwischen Kirche und Gewerkschaft aus, der ja bereits stattfinde.

Dass es auch Trennendes gibt, wurde in der Diskussionsrunde deutlich. So wurde angesprochen, dass die Kirche ganz eigene arbeitsrechtliche Regelungen für ihre Mitarbeiter hat, die nicht dem Betriebsverfassungsgesetz unterliegen. "Die Regelungen für die freie Wirtschaft müssten eigentlich auch für die Kirche als Arbeitgeber gelten", lautete eine Forderung aus Reihen der Diskussionsteilnehmer. Beim Fazit der Veranstaltung waren sich die Anwesenden wieder einig: Eine Allianz aus christlichem und gewerkschaftlichem Engagement sei im Blick auf eine gute Sozialpolitik zu begrüßen und sollte verstärkt werden.

Autor: NADJA KIENLE | 05.04.2011


Presseinformation zum Gesprächskreis Kirche -Gewerkschaft

 

 

 

 

„Die Prioritäten der sozialen Marktwirtschaft "Wohlstand für alle" und „gerechte Teilhabe“ haben wir aus den Augen verloren“ - waren sich die Teilnehmer vom Gesprächskreis Kirche-Gewerkschaft in Göppingen unisono einig. Die "soziale Schere" klafft weit auseinander, schwindelerregend hohe Unternehmensgewinne stehen ebenso schnell schrumpfenden Arbeitseinkommen gegenüber - auch in der sogenannten Mittelschicht, bestätigen die knapp 20 Arbeitskreis-Teilnehmer die derzeitige gesellschaftliche Standortbestimmung.

 

Geladen war der Kreisvorsitzende der Grünen, Walter Kießling, aus Bad Boll. Auch er bestätigte die Sorge vom Teilnehmerkreis: “Große Bevölkerungsteile haben keine Chance, sich eine auch nur halbwegs gesicherte Existenz aufzubauen. Unter ungünstigen Bedingungen beginnt der Weg in die Perspektivlosigkeit bereits in den ersten Lebensjahren. Blindes Wachstum und Gewinnstreben bedroht essenzielle Lebensgrundlagen“. Aus seinem Blickwinkel sind wir heute „mit einer ganzen Reihe von neuartigen Problemen konfrontiert, die die Zukunft unserer Gesellschaft in Frage stellen. Durch den ökonomischen Zwang wurde das Miteinander stark untergraben und eine Entsolidarisierung habe bei uns stattgefunden“. „Zum Glück“, so Kießling „habe durch die Wirtschaftskrise ein gesellschaftlicher Gegenschlag  stattgefunden“.

 

„Deutlich sei ein Veränderungswille nach mehr Vertrauen und Moral vorhanden. Auch das neoliberale Leitmotiv: „der Staat solle sich raushalten“ ist in der Zwischenzeit mehrheitlich gekippt. Ebenso die menschenverachtende Gegebenheiten in unserer Gesellschaft wie: Leiharbeiter, Perspektivlosigkeit von jungen Menschen und das Geschäftsgebaren der mächtigen Discounter haben sich zum Guten verändert“.

 

Auf der Suche nach Gleichgesinnten und Partnern sei er gern zum Gesprächskreis „Kirche-Gewerkschaft“ gekommen um seine Vorstellungen und Ideen, die er im wesentlichem dem Kommunitarismus, eine aus den USA kommende Bewegung, die den demokratischen Gemeinschaftsgeist zu beleben versucht und zu mehr Solidarität und Gemeinsamkeit aufruft, entnommen habe, bekannt zu machen. Seine These: „Nur wenn Strukturen entstehen, in denen die Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, wo Kommunikation, soziale und politische Bewusstseinsprozesse und politische Einflussnahme stattfinden, wird Demokratie funktionieren und die Orientierung am Gemeinwohl, statt populistischer Lösungsversuche, die Oberhand gewinnen. Entwicklungen in diese Richtung sind, gegen die Tendenz zur Entsolidarisierung, vielfältig festzustellen. Die Bürger wollen mehr beteiligt werden. Die Betonung der Bürgergesellschaft und die Beauftragung einer Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung in der neuen Landesregierung sind ein hoffnungsvoller Schritt. Es gilt jetzt, die veränderte Stimmung in der Gesellschaft zu nützen und zu verstärken“.

 

 

Felix Müller, Dekanatsreferent

 



Walter Kießling