Das Jahr 2011

"Abends brauche ich meine Mama!" - Ladungsöffnungsgesetz jetzt überprüfen

Eine Initiative der KAB Rottenburg-Stuttgart und der Allianz für den freien Sonntag in Baden-Württemberg

 

2007 wurden mit dem baden-württembergischen Ladenöffnungsgesetz die Öffnungszeiten des Einzelhandels von Montag bis Samstag vollständig freigegeben. Einzelhandelsbeschäftigte, Betriebsräte, Gewerkschaften und Kirchen hatten viele Jahre lang gegen diese Gesetzesänderung Widerstand geleistet, weil sie gravierende Verschlechterungen für die Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten befürchteten.

Eine Befragung von Betriebsrät/-innen des baden-württembergischen Einzelhandels 2011 hat gezeigt, dass sich in fast allen untersuchten Betrieben Veränderungen in in der Arbeitsorganisation ergeben haben, die von den Betriebsrät/-innen überwiegend negativ beurteilt werden. Gleiches gilt für die Arbeitszeitgestaltung und die Ausirkungen auf die Belegschaftsstruktur.

Die baden-württembergische Allianz für den freien Sonntag und zozialverträgliche Arbeitszeiten unter Federführung der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart fordert deshalb eine kritische Überprüfung der bisherigen Erfahrungen mit der Freigabe der Ladenöffnungszeiten, um ggf. das Gesetz selberauf den Prüfstand zu stellen.

Nähere Informationen zur Kampagne und weitere Informationen finden Sie hier im pdf-download: ->


Migration zu Krisenzeiten innerhalb der europäischen Union: Herausforderungen und konkrete Antworten

 

Das Europäisches Treffen von christlichen Vertretern der Arbeitnehmerpastoral in Barcelos/Portugal vom 6.-10. April 2011 wurde von der GEPO (Gruppe europäischer Arbeitnehmerpastoral) organisiert. Verantwortlich für dieses Treffen waren für Deutschland: Diakon Andreas Welte und Theologe Thomas Eschbach.

An dieser Veranstaltung waren Vertreter aus den Ländern Belgien, Luxemburg, Schweiz, Spanien, Italien, Portugal, Malta, England, Rumänien und Deutschland anwesend.

Das Thema „Migration zu Krisenzeiten innerhalb der europäischen Union: Herausforderungen und konkrete Antworten“ hätte in der aktuellen politischen Weltlage mit den Konflikten in Nordafrika nicht passender, aber auch drängender sein können. Doch auch unabhängig von der momentanen Lage ist das grundsätzliche Phänomen der Migration mit all ihren Ausprägungen und Konsequenzen eine Herausforderung für Europa, für jeden Mitgliedsstaat und für jeden Einzelnen.

Die Frage: Wer ist mein Nächster? – biblisch gesprochen, bedarf einer Antwort auf allen Ebenen.  Wir stellen fest, dass immer mehr Menschen aus vielen Teilen der Welt in die EU drängen. Die Regelung innerhalb der EU, dass das jeweils zuerst erreichte Land die Aufnahme der Flüchtlinge selbst regeln muss, lässt das Problem für uns Deutsche oftmals nur durch Nachrichtensendungen in unseren Wohnzimmern ankommen. Aber wir haben ja auch die Möglichkeit mit einem kleinen Knopfdruck die Situation für uns angenehmer zu gestalten. Das können die südlichen Länder in Europa nicht. Die Flüchtlinge sind physisch da. Es ist gerade kein Zeichen von Solidarität innerhalb der Europäischen Union, wenn die ärmsten Länder der Union wie Italien, Malta, Griechenland Spanien und Portugal diese Situation bewältigen müssen.

Auch wir in Deutschland haben es dennoch mit dem Phänomen der Migration, spezielle der Arbeitsmigration zu tun, wenn auch unter anderen Vorzeichen. In der Debatte in Deutschland steht ganz oben auf der Prioritätenliste die Verwertbarkeit der Arbeitskraft von Migranten. Deshalb sind ausländische Facharbeiter und Ingenieure auch gerne willkommen. Anders sieht die Bereitschaft zur Aufnahme aus, wenn es um Familiennachzug und damit um Integration geht. Am wenigsten erwünscht sind Migranten, die angeblich nur Geld kosten. Vergessen darf man hierbei nicht, dass manche Länder bedingt durch die demographische Entwicklung auf Migranten angewiesen sind.

In einem vereinten Europa werden diese eben nur angerissenen Themenkomplexe oftmals nationalstaatlich, also je nach nationaler Interessenlage, beantwortet.

Das Kolloquium hat den Versuch unternommen sich der aktuellen Problematik unter einem anderen Blickwinkel zu nähern. Ausgehend von der jüdisch-christliche Tradition erschloss Jean-Claude Braue, Vorsitzender der GEPO die biblischen Wurzeln des christlichen Glaubens, der sich zu einem Gott bekennt, der aus der Wüste kam. Glaube an einen Gott, der sich mit den Wandern, den Vertriebenen, den Wirtschafsflüchtlingen solidarisiert und mit ihnen seinen Bund geschlossen hat.

Paul Schobel, ehemaliger Leiter der Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hat die Katholische Soziallehre unter dem speziellen Fokus der Migration analysiert. Ganz zentral bleibt für ihn die Aussage von der Pastoral Konstitution Gaudium et Spes: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.

Dies hat Konsequenzen für die Pastoral. Vertreter aus England, Luxemburg und Portugal haben anhand ihrer kirchlichen Diensten Beispiele vorgestellt, die genau an dieser Schnittstelle arbeiten.

Sie verfolgen alle das Ziel Menschen in ihrer speziellen Situation anzunehmen und diesen Schritte in die neue Heimat, speziell in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Wichtige Angebote sind hierbei Bildungs- und Beratungsangeboten zu Themen Arbeits- und Sozialrecht, Bewerbungstrainings, Unterstützung bei konkreten Konflikten mit Arbeitgeber, Sprachschulen und vieles mehr.

An diese Schnittstelle arbeiten heißt auch politisch zu sein und Ungerechtigkeiten anzuklagen und öffentlich zu machen.

Die Antwort auf die große Frage nach der Migration lässt sich nach den Aussagen des Soziologen Jose Luiz nur in einer neuen Haltung beantworten. „Wir müssen von einem „Wir“ und „Die“ zu einem „Uns“ kommen, so Luiz und betont: „Solche Orte des „Uns“ müssen aus dieser Haltung heraus in allen Ländern eingerichtet werden.“

Im Abschlussgottesdienst entfaltete der Vorsitzende der portugisischen Bischofskonferenz Bischof Jorge Ortega in seiner Predigt ausgehend von der Textstelle der Erweckung des Lazarus, die Kraft der lebendig machenden Worte Jesu angesichts sozialer Herausforderungen.

Wie wichtig europäischer Austausch ist, haben Vertreter aus der Region Saar/Lor/Lux/Trier und Vertreter der KAB und Betriebsseelsorge der Diözese Speyer schon 1976 erkannt und in die Tat umgesetzt. Seit dieser Zeit fühlt sich die Betriebsseelsorge der Diözese Speyer dem europäischen Gedanken verpflichtet und richtet das regelmäßige Vier-Grenzland –Treffen aus. Ein Modell, was europaweit viele Nachahmer gefunden hat. In dieser Tradition stehend und nun auf ganz Europa gerichtet, waren Diakon Andreas Welte und Thomas Eschbach die Vertreter der KAB und Betriebsseelsorge in Portugal auf diesem Kolloquium vertreten. Diakon Welte ist außerdem in der GEPO- Vorbereitungsgruppe für Deutschland verantwortlich tätig.  

Thomas Eschbach


„Mobbing – Folter am Arbeitsplatz“ – Eine europäische Herausforderung

 

vom 02. - 04.11.2011 in Herzogenrath bei Aachen

 

In vielen europäischen Ländern ist das Thema „Mobbing am Arbeitsplatz“ berechtigterweise in den öffentlichen Focus gerückt. Mobbing ist ein gesellschaftliches Problem mit erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen für die Betroffenen und mittlerweile auch ein volkswirtschaftliches Thema. In den Mitgliedsstaaten gibt es verschiedene Lösungsansätze und divergierende nationale Gesetzgebungen.

Wir wollen bei unserer Tagung zuerst die Auswirkungen und Bedeutung von Mobbing in der Arbeitswelt näher kennenlernen und freuen uns, dass uns dabei Dr. Marie- France Hirigoyen aus Frankreich als ausgewiesene Expertin zur Verfügung steht. Die persönlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen werden uns ebenfalls kompetent durch Josef Schwickerath (Klinik Berus) und Jean-Michel Miller (Eurofond) näher gebracht.

Im zweiten Teil unserer Tagung werden wir dann die Theorie mit Erfahrungs- und Praxisberichten ergänzen, um aus Best-Practice-Beispielen Handlungs- empfehlungen entwickeln zu können.

Der europäischen Herausforderung wollen wir mit einer Charta und Handlungsempfehlungen an Politik und die Sozialpartner begegnen. Dazu wollen wir mit dem MdeP Georges Bach (Luxemburg) die Möglichkeiten des europäischen Parlaments besprechen und im Dialog mit Vertretern der europäischen Arbeitnehmerund Arbeitgeberverbänden (ETUC und Businesseurope) die Anforderungen an die Sozialpartner definieren.

Wir laden Sie daher sehr herzlich zu dieser Tagung nach Herzogenrath in die Euregio Maas/Rhein ein.

Hier der Link zum Download Einladung:

Hier der Link zum Download Programm:


Burnout begegnen

Herausforderung im betrieblichen Kontext

Immer mehr Menschen in Unternehmen wie auch in kommunalen und kirchlichen Einrichtungen sind für längere Zeit psychisch krank. Diagnose: Erschöpfungsdepression. Der Begriff "Burnout" drückt plakativ aus, dass es dabei oft um die Auswirkung eines leidenschaftlichen beruflichen Engagements geht, dass zu lange keine Grenzen kannte - weder bei Arbeitsanforderungen noch bei Arbeitszeiten.

Der Umgang mit psychischen Belastungen und die Frage nach psychischer Gesundheit sind inzwischen zu einer gesellschaftlichen und vor allem auch wirtschaftlichen Herausforderung geworden. Unsere Tagung "Burnout begegnen" nimmt diese Herausforderung auf.

Schwerpunkt der Tagung ist die Burnout Prävention. Biografische und gesellschaftliche Analysen zeigen zunächst Gründe für die massive Zunahme des Phänomens "Burnout" auf.

Donnerstag, 30. Juni 2011 bis Freitag 1. Juli 2011

in der Ev. Akademie Bad Boll

Anmeldungen mit diesem Flyer:


GRÜNDUNGSERKLÄRUNG

zur Bildung einer

EUROPÄISCHEN SONNTAGSALLIANZ

"Gemeinsam für angemessene Arbeitszeiten"

Am 20. Juni 2011 wurde in Brüssel die "Europäische Sonntagsallianz" gegründet.

Nachfolgend finden Sie die Gründungserklärung mit den politischen Forderungen, Zielen und einer Resolution: --->


Bundesfachtagung der Katholische Betriebsseelsorge 2011

 

FAIR statt PREKÄR

 

Alternativen zur Discountisierung der Gesellschaft

 

Fürstenried bei München, 07. – 09. Juni 2011

 

Erklärung angesichts der starken Zunahme von Leiharbeit und prekären Beschäftigungsverhältnissen:

 

Arbeitsbedingungen fair gestalten, nicht Arbeit entwerten

Notwendiges Management für eine gute Zukunft

 

Den Wandel in der Arbeitswelt und seine zunehmend negativen Folgen für die Beschäftigten nehmen wir Betriebsseelsorger/-innen in unserer Arbeit tagtäglich wahr. Dabei beobachten wir einen Trend weg von guter, geschützter Erwerbsarbeit hin zu prekären, ungeschützten Arbeitsverhältnissen (Zeitarbeit, Mini-, Midi- und Teilzeit-Jobs, Befristungen usw.). Diese zunehmenden Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt führen dazu, dass eine verlässliche Lebensplanung - vor allem auch für Familien und (Allein-)Erziehende - immer schwieriger werden, das Vertrauen in eine gute Zukunft und die Marktwirtschaft schwinden, die Verunsicherungen bei den Beschäftigten zunehmen und in den Betrieben Belegschaften erster und zweiter Klasse entstehen.

Diese Entwicklung können und wollen wir nicht unwidersprochen hinnehmen. Arbeit muss einen Vorrang vor den Interessen des Kapitals und der Wirtschaft haben und den Menschen dienen. Die Würde des arbeitenden Menschen verlangt nach menschenwürdigen, fair gestalteten und abgesicherten  Arbeitsbedingungen und einem Einkommen, das die gesellschaftliche Teilhabe aller ermöglicht.

Dabei berufen wir uns ganz bewusst auf das Sozialwort der Kirchen von 1997:

„So lange die Erwerbsarbeit die existentielle Grundlage für die Sicherung des Lebensunterhaltes, die soziale Integration und persönliche Entfaltung des einzelnen ist, ist es die Aufgabe einer sozial verpflichtenden und gerechten Wirtschaftsordnung, allen Frauen und Männern, die dies brauchen und wünschen, den Zugang und die Beteiligung an der Erwerbsarbeit zu eröffnen. Ihnen sollen die mit der Erwerbsarbeit verbundenen Chancen der Teilnahme, der sozialen Integration, der Existenzsicherung und der persönlichen Entfaltung eröffnet werden.“ (Nr. 168).

Mit der Stellungnahme ‚Arbeitsbedingungen fair gestalten, nicht Arbeit entwerten’ beschreiben wir Betriebsselsorger/-innen, was es aus unserer Sicht für eine zukunftsfähige Ausgestaltung von Arbeit(sbeziehungen) braucht, was dem heute entgegensteht und welche Forderungen wir deshalb erheben:

1. Was wir in der Zukunft brauchen

1.1. Schutz statt ungeschützter Arbeit: Seit 2003 ist die Anzahl der prekären, ungeschützten Arbeitsverhältnisse - bedingt durch die Deregulierung der rot-grünen Bundesregierung und die Förderung der Zeitarbeit - sprunghaft angestiegen. Besonders Familien, Alleinerziehende sowie junge Menschen leiden zunehmend unter der Abnahme guter Erwerbsarbeitsplätze. Bei der Gestaltung der Erwerbsarbeit und ihrer Entlohnung sind zukünftig die Rahmenbedingung der Arbeitnehmer/-innen für ihre Erziehungs- oder Pflegetätigkeit in den Familien nachhaltig zu berücksichtigen.

1.2. Keine Angst vor dem Berufsstart: Ausbildung und Berufseinstieg bilden eine Lebensphase, in der sich junge Menschen ihrer Stärken in der beruflichen Praxis vergewissern können. Doch der Eintritt in die Arbeitswelt wird für manche zu einer hohen, angstbesetzten Hürde. Wir brauchen die jungen Menschen, ihre Bildung und ihre Fähigkeiten, wenn wir weiterhin den Wohlstand in unserer Gesellschaft erhalten wollen. Der Hinweis auf den Fachkräftemangel durch die demografische Entwicklung unterstreicht nur die Notwendigkeit vielfältiger Bildungsanstrengungen zum Berufsstart und während des Erwerbslebens. Auf die Zukunft hin arbeiten deshalb alle Bildungseinrichtungen eng zusammen bei der Gestaltung der Ausbildung und der Förderung der jungen Generation.

1.3. Erwerbsarbeit bleibt der Schlüssel zur Sozialen Frage: notwendig für eine lebens- und familiengerechte Existenzsicherung ist eine gerechte Entlohnung, die auch eine Vorsorge für das Alter ermöglicht. Die Vorsorge setzt eine gerechte Beteiligung der Arbeitgeber an der finanziellen Absicherung der Lebensrisiken im Rahmen der sozialstaatlichen Solidarität voraus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit gilt in allen Arbeitsverhältnissen, ein gesetzlicher Mindestlohn verhindert Armut trotz Arbeit und reduziert staatliche Transferleistungen. Arbeit erfolgt unter Bedingungen, welche die physische und psychische Gesundheit und eine grundlegende Leistungsfähigkeit der Beschäftigten zum Ziel haben.

1.4. „Vertrauen ist der Anfang von allem“: Vertrauen und Verlässlichkeit als Grundlage wirtschaftlichen Geschehens benötigen die Garantie fairer Arbeitsbedingungen und die Beteiligung der Beschäftigten an betrieblichen Fragen. Vertrauen setzt Wertschätzung voraus und spiegelt sich in gegenseitigem Respekt wieder.

1.5. Transparenz und Mitbestimmung: Alle Beschäftigten eines Unternehmens sind Teil der Wertschöpfung. Sie sind Subjekte des wirtschaftlichen Geschehens. Als solche haben sie ein weitgehendes Recht auf Mitbestimmung und Transparenz.

1.6. Langfristige Bindung von Wissen und Erfahrung. Unternehmen leben vom „know how“ ihrer Beschäftigten. Deshalb dürfen die Beschäftigten erwarten, dass die Fürsorgepflicht der Betriebe sich auch auf die Verlässlichkeit ihrer Lebensplanung erstreckt. Sich als Teil eines Betriebes zu verstehen, setzt Motivation zu Neuem frei. Unbefristete Arbeitsverhältnisse schaffen Vertrauen auf beiden Seiten.

 

2. Realitäten, die diese Zukunft bedrohen

2.1. Familien sind bedroht:  Längst haben sich familien- und sozialunverträgliche Arbeitszeiten im Niedriglohnbereich in unserer Erwerbsgesellschaft massenhaft verfestigt. Aktuell erhalten im Wirtschaftsaufschwung nach der Krise 2008 - 2010 nur 15 % der Neueingestellten eine feste, unbefristete Einstellung. Wer als Leiharbeitnehmer/-in  arbeitet, ist im Durchschnitt nur 3-4 Monate im Entleihbetrieb beschäftigt; zudem nur zu durchschnittlich 70% des Lohnes der Stammbelegschaft.

2.2. Bildungskonkurrenz statt -förderung: Die gestiegenen Anforderungen in vielen Betrieben und die mitgebrachten Defizite aus der schulischen Bildung oder im sozialen Verhalten verstärkt die Bildungskonkurrenz besonders zwischen Hauptschülern und jungen Menschen mit anderen Bildungsabschlüssen. Hauptschülern stehen von etwa 340 anerkannten Ausbildungsberufen nur 40 offen und auch dort steigt die Konkurrenz, so dass viel zu wenige Schulabgänger mit Hauptschulabschluss eine Lehrstelle bekommen.

2.3. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse als Instrument der Spaltung: Einstellungen erfolgen derzeit vor allem in Leiharbeit, mit Werksverträgen oder zumindest in befristeter Form mit deutlich ungeschützteren und existenziell unsichereren Vertragsbedingungen. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse fordern von den Arbeitnehmer/-innen gleiche Leistung ab bei meist deutlich geringerer Entlohnung und einem Höchstmaß an Flexibilität. Solche Einstellungen sind längst strategische Instrumente zur dauerhaften Reduzierung von Personalkosten und zur Risikoverlagerung auf die Schultern der Arbeitnehmer/-innen. Vor allem Leiharbeit als Arbeitsverhältnis auf Dauer spaltet im Entleihbetrieb die Belegschaften, führt zu Motivations- und Qualitätseinbußen und macht bei vielen Betroffenen eine weitergehende sozialstaatliche Unterstützung nötig. Prekäre Arbeit macht arm oder hält in Armut!

2.4. De-Regulierung – Freiheit für wenige, Entwürdigung für viele: Die geräuschlose Freisetzung tausender Leiharbeitnehmer/-innen in der Krise zeigte: Eine Entriegelung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf dem Arbeitsmarkt vermehrt massiv die Ängste um die existenzielle Absicherung und vor dem Verlust der Arbeit genauso, wie sie eine Gewinnmaximierung auf dem Rücken aller Beschäftigten forciert. Wir beobachten, dass im Namen der Freiheit bzw. des freien, ethisch nicht gebundenen Marktes den Beschäftigten zwar alles abverlangt wird, eine solidarisch-gesetzliche Minimierung von persönlichen Risiken jedoch zunehmend abgebaut wird. Ideelle Werte und die Motivation vieler und vor allem junger Menschen werden so entwertet, ihre Würde mit Füßen getreten.

2.5. Erschwernis von Betriebsratsarbeit: In Leiharbeitsfirmen gibt es kaum gewählte Betriebsratsgremien, da die Beschäftigten sich selten vernetzen können. Es besteht wenig persönlicher Kontakt, da jeder und jede an unterschiedlichen Orten eingesetzt wird. Ansätze zu Betriebsratsgründungen werden von Firmenleitungen häufig blockiert. Leiharbeiter/-innen werden in Entleihfirmen als Fremdarbeiter eingestuft, die nicht vom dortigen Betriebsrat vertreten werden und die nicht an den üblichen Sozialleistungen des Betriebes teilhaben.

2.6. Werkverträge schaffen keine Zukunft. Neben der Leiharbeit und zur Unterlaufung des Mindestlohns etabliert sich zunehmend die Praxis der Werkverträge: Beschäftigte werden projekt- oder aufgabenorientiert zeitlich befristet angestellt. Beschäftigte treten dabei nicht selten als Dienstleister auf. Betriebe, die Werkverträge in Auftrag geben, ignorieren bewusst Arbeits- und Tarifrechte.

 

3. Deshalb: Umdenken für eine Gute Arbeit und eine lebenswerte Zukunft!

3.1. Balance und Vereinbarkeit: Für jeden Menschen ist es wichtig, eine gute Balance zwischen Erwerbsarbeit und Familienleben, freiwilligen Engagement und ungebundener Zeit zu finden. Menschen, die das nicht schaffen, leiden zunehmend unter Depressionen und Burnout. Diese Gefahren für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind besonders in der Zeitarbeit sehr hoch. Vielfach ist es für sie unmöglich, ihrer familiären Verpflichtung der Kindererziehung oder der Pflege in eine gute Balance zu den Anforderungen der Erwerbsarbeit zu bringen. Die Vereinbarkeit von familiären und sozialen Verpflichtungen und ein bedarfsgerechtes Einkommen für die Familien sind die unabdingbaren Voraussetzungen guter Arbeit und guten Lebens in unserer Wohlstandsgesellschaft.

3.2. Zukunftsfähigkeit durch die Entfaltung der Begabungen: Mit der gelingenden Integration junger Menschen in die Bildungs- und Arbeitsgesellschaft erweist sich die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Alle Talente sind wertvoll und müssen sich entfalten können. Wir sollten unseren Blick ändern und die Begabungen der jungen Menschen in den Mittelpunkt stellen und von da aus Defizite und Vermittlungshemmnisse überwinden.  

3.3. Politik: Armut in Arbeit und Alter verhindern – der Gier Grenzen setzen. Das System der Sozialen Marktwirtschaft beruht auf einer hohen Akzeptanz und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Die Politik muss endlich Regelungen treffen, um armutssichere Arbeitsverhältnisse zu gewährleisten. Rekordgewinne von Unternehmen unmittelbar nach der Krise bei gleichzeitiger Rekordverschuldung der Kommunen schreien nach einer gerechteren Beteiligung der Unternehmen sowie der einkommensstarken Schichten an sozialstaatlichen wie infrastrukturellen Aufgaben (Bildung u.a.): Gier braucht Grenzen.

3.4. Gleichbehandlung aller Arbeitsverhältnisse: Leiharbeit muss gesetzlich auf enge Kriterien begrenzt werden. Die von ihr Betroffenen dürfen nicht einem mehrfachen Risiko ausgesetzt werden. Leiharbeit ist im Entleihbetrieb zeitlich zu befristen, die Anzahl der Leiharbeitnehmer/-innen in der Personalliste aufzuführen. „Equal pay“ hat vom ersten Tag an zu erfolgen. Kettenbefristungen werden untersagt. Eine Übernahme in ein festes Arbeitsverhältnis erfolgt unbefristet. Ebenso werden Leiharbeitnehmer vollständig über die Mitbestimmung/Betriebs- oder Personalrat im Betrieb betreut.

3.5. Betriebsrat muss Standard sein: Leiharbeitsfirmen ab einer Größe von fünf Beschäftigten müssen einen gewählten Betriebsrat haben. Für den Betriebsrat bedarf es einer besseren Freistellungsformel als bisher im Betriebsverfassungsgesetz vorgesehen, da der Aufwand der Beschäftigtenbetreuung größer ist. Ferner ist das Territorialprinzip anzuwenden, d.h.: Beschäftigte der Leihfirma werden im Entleihbetrieb wie eigene Mitarbeiter behandelt und vertreten.

3.6. Ein Betrieb – eine Belegschaft: Betriebe, die zukunftsorientiert planen und arbeiten, setzen auf eine Belegschaft, die sich mit den Zielen und Produkten des Betriebes identifiziert. Mit verlässlichen, unbefristeten Arbeitsverhältnissen wird ein „corporate identity“ geschaffen. Identität setzt Akzeptanz voraus sowie Motivation und Innovationskraft frei. Ziel muss die Bildung einer Stammbelegschaft sein, die in Ablauf und Planung einbezogen wird. Zwei- oder gar Drei-Klassen-Belegschaften sind zu verhindern, da sie die Belegschaft spalten.  Werkverträge sollen nur unter klar definierten Bedingungen als Ausnahmeregelung zugelassen werden. Niemand, der von außen kommt, darf unter schlechteren Bedingungen als die Stammbelegschaft arbeiten.

Die Teilnehmer/-innen der Bundesfachtagung der Kath. Betriebsseelsorge

Fürstenried, den 09. Juni 2011.

 

Download:

 


Petition: Arbeitsförderung/Rücknahme der Kürzungsbeschlüsse der Arbeitsmarktförderung eingerichtet

 

Der Koordinationskreis kirchlicher Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen hat eine E-Petition für einen öffentlich geförderten Arbeitsmarkt eingerichtet. "Auch wenn die Aktualität, bezogen auf den Gesetzesentwurf "Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt", etwas gelitten hat" - so die Autoren - "geht es doch um den Widerstand gegen die Kürzungen des Eingliederungstitels der Bundesagentur für Arbeit und damit um die Wirksamkeit vernünftiger öffentlich geförderter Beschäftigung.

Die E-Petition kann bis zum 11. Januar 2011 unterzeichnet werden.

Die Petition ist ohne Umwege direkt zu erreichen durch:

 https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=21396 https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=21396

(kann so kopiert in die Adresszeile des Browser eingegeben werden).

Hier der Link zum pdf-Dokument: